PM zum Genozid von 1915

 

100 Jahre Verleugnung – Es war Völkermord

Berlin, den 19.04.2015

„Aghet“, die Katastrophe, wie die Armenier den an ihnen verübten Völkermord von 1915/16 bezeichnen, jährt sich am 24. April 2015 zum hundertsten Gedenktag. 1,5 Millionen Armenier_innen, Aramäer_innen, Assyrer_innen, Chaldäer_innen, Pontosgriech_innen und Ezid_innen wurden damals im Osmanischen Reich deportiert und ermordet.

Die weitaus meisten Historiker weltweit stellen anhand zahlreicher Quellen einen Genozid fest; ungeachtet dessen leugnet der Nachfolgestaat des Osmanischen Reichs, die Republik Türkei, den Völkermord bis heute und auch die europäischen Verbündeten tun sich aus Rücksicht zum Nato-Partner schwer, die Massaker offiziell als Genozid anzuerkennen. Oft werden die Vorfälle als Kriegsverbrechen oder Kriegsfolgen abgetan, mit der Begründung, dass einige armenische Stämme auf Seiten Russlands gegen die Osmanen kämpften. Die Quellen, die Augenzeugenberichte und die Anzahl der Toten jedoch legen offen, dass es sich bei den Ermordeten keineswegs nur um gefallene Kämpfer handelte, sondern ein gezielter und geplanter Völkermord an der christlichen Zivilbevölkerung stattgefunden hat.

Deutschland ist kein Unbeteiligter: Als Verbündeter des Osmanischen Reichs während des 1. Weltkriegs wusste das Deutsche Reich von den Gräueltaten, ignorierte sie teilweise, begrüßte sie teilweise, da man die Unterstützer der Russen als Feind sah, und versorgte den Partner unbehelligt weiter mit Waffen.

Umso wichtiger ist heute die Anerkennung des Genozids durch unsere Bundesregierung. Stimmen aus der Opposition und vereinzelt aus den Regierungsparteien riefen bisher nur zu zaghaft nach einer Anerkennung des Völkermordes, bis heute wird das Wort „Genozid“ vermieden, zu groß ist die Angst politischer Konsequenzen seitens der türkischen Republik, welche schon mit Frankreich, nach dessen Anerkennung des Genozids im Jahre 2011, Handelsbeziehungen abgebrochen und Botschafter aus dem Land gezogen hat.

Der hundertste Jahrestag ist eine Chance auf eine Neubewertung und eine Aussöhnung mit den Armenier_innen, Aramäer_innen, Assyrer_innen, Chaldäer_innen, Pontosgriech_innen und Ezid_innen.

Zahlreiche Politiker und Nichtregierungsorganisationen erheben in den letzten Tagen und Wochen ihre Stimmen für eine Anerkennung des Völkermordes. Papst Franziskus sprach offen von einem Genozid und das EU-Parlament forderte in einer Resolution den türkischen Staat auf, die stattgefundenen Massaker als Völkermord anzuerkennen.

Die türkische Regierung und Gesellschaft schalten auf stumm und weisen jegliche Anschuldigung zurück; zu tief sitzt der nationale Stolz, um den Völkermord als solchen anzuerkennen.

Es ist politisch und moralisch wichtig für unsere Wertegemeinschaft, dass das EU-Parlament seiner Resolution Nachdruck verleiht. Die Türkei, die USA, die europäischen Staaten, Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen müssen den Genozid anerkennen. Das sind wir den Angehörigen und Nachfahren der Opfer schuldig.

Als KOMCIWAN – Kurdischer Kinder- und Jugendverband e.V. machen wir den Anfang:

Wir sind uns bewusst, dass viele kurdische Stämme am Völkermord im Osmanischen Reich beteiligt waren und klären Kurd_innen dahingehend auf. Wir erkennen den Genozid eindeutig als solchen an. Wir bitten das armenische, aramäische, assyrische, chaldäische und griechische Volk und die Ezid_innen um Verzeihung. Wir werden den Völkermord nicht in Vergessenheit geraten lassen. Wir gedenken dem Genozid und plädieren für dessen weltweite Anerkennung.

Auch heute findet wieder ein Genozid an den Ezid_innen, Christ_innen, Schiit_innen und Kurd_innen durch den „Islamischen Staat“ statt. Auch zu diesem Genozid werden wir nicht schweigen und fordern die Bundesregierung und die Weltgemeinschaft auf, entschiedener gegen den IS vorzugehen, um dem andauernden Völkermord ein Ende zu bereiten. Lassen Sie die Geschichte sich nicht wiederholen.

KOMCIWAN – Kurdischer Kinder- und Jugendverband e.V.